Nach fast anderthalb Monaten auf der Nordinsel war ich nun endlich auf der Südinsel angekommen und war bereit meine Reise durch dieses faszinierende Land fortzusetzen. Es war so ziemlich genau die Halbzeit, ich hatte nur noch ein weiteres anderthalb Monat Zeit mehr, bevor ich meinen Rückflug antreten musste. Recht wenig Zeit in Anbetracht der Größe der Südinsel und vieler interessanter Orte, die sie zu bieten hat. Diesmal hatte ich allerdings überhaupt keinen Plan, was ich machen wollte und wohin meine Reise gehen sollte. Ich war komplett offen was die Reiseplanung angeht und bereit mich einfach treiben zu lassen und schauen was die Reise noch bringt. In der ganzen folgenden Zeit hatte ich meine Route stets kaum weiter geplant als die nächsten ein paar Tage. Oft wusste ich nicht mal wo ich am nächsten Tag sein werde oder gar wo ich die kommende Nacht übernachten sollte. So kam es nicht selten vor, dass ich, nachdem ich in einer kleinen Stadt angekommen war, als erstes von Hostel zu Hostel rannte und fragte, ob sie vielleicht noch irgendwo ein Bett frei hätten. Glücklicherweise hat es immer perfekt funktioniert. Es war ein echtes Abenteuer, und ein Gefühl von unendlicher Freiheit begleitete mich stets, egal wohin mich mein Weg hinführte. Es war schlicht unglaublich.

Diese mangelnde Reiseplanung war nicht zuletzt auch dem geschuldet, dass ich, sogar zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben, fast die ganze Südinsel per Anhalter bereist hatte. Anfangs mit leichten Bauchschmerzen verbunden, erwies sich diese Idee später als das Beste was ich nur machen konnte. So viele tolle, nette und hilfsbereite Menschen, die einem begegnen und so viele tolle Geschichten, die einem passieren, das ist einfach unglaublich. Generell muss man sagen, dass das “Hitchhicken” in Neuseeland sehr weit verbreitet ist und als Reisemittel absolut alltäglich ist. Und ich kann jedem empfehlen, der auf diesen faszinierenden Inseln nicht gerade mit einem eigenen Auto unterwegs ist, auch mal diese Erfahrung zu machen und per Anhalter zu reisen, ihr werdet es nicht bereuen :-).

Aber zurück zu der eigentlichen Reise. Wie ich bereits erwähnte, hatte ich kaum Pläne, was meine Route anging und ließ es einfach auf mich zukommen. Das erste Ziel nach meiner Ankunft auf der Südinsel stand für mich jedoch fest: die kleine Stadt Nelson im Norden der Südinsel.

Golden Bay

In Nelson wollte ich mich mit zwei weiteren Reisepartnern treffen, Sebastian und Andrea. Der Sebi besaß ein Auto und so wollten wir drei einen kleinen Roadtrip in den Norden der Südinsel unternehmen. Los ging es dann bereits am nächsten Morgen Richtung Golden Bay und dann weiter bis an die Nordküste der Insel. Hier besuchten wir den berühmten Wharariki Beach, ein absoluter Traum von einem Sandstrand und übernachteten ganz in der Nähe auf einem schönen Campingplatz direkt an der Küste.

 

Am nächsten Tag ging es dann weiter nach Farewell Spit, eine schmale Landzunge ganz an der nordöstlichen Spitze der Insel. Hier konnten wir eine lange Wanderung entlang der Küste machen. Der fast komplette Farewell Spit gilt übrigens als ein Vogelschutzgebiet, in dem sehr viele seltene und vom Aussterben bedrohte Vogelarten niesten. Der vordere Bereich dieser sandigen Halbinsel ist daher für Besucher sogar komplett gesperrt, um die Vögel an ihren Nistplätzen nicht zu stören. Eine Wanderung durch das restliche Farewell Spit ist jedoch nicht weniger schön, und es machte richtig viel Spaß auf diesen Sanddünen zu laufen.

 

Abel Tasman Coast Track

Nach ein paar Tagen im Norden stand für uns bereits das erste große Abenteuer bevor. Während Andrea auf die Nordinsel aufbrach, wollten Sebi und ich eine dreitägige Wanderung durch den Abel Tasman National Park starten, den Abel Tasman Coast Track. Fast 60 Kilometer entlang einer malerischen Sandküste hieß es zu bewältigen. Mein erster Great Walk und meine erste Fernwanderung überhaupt! Da wir mit dem Buchen der Campingplätze natürlich total zu spät waren, mussten wir uns auf die wenige noch vorhandene Restplätze beschränken und unsere Planung auch danach ausrichten. Das Ergebnis sah dann so aus, dass wir bereits am ersten Tag fast 30 Kilometer laufen mussten, und am zweiten immerhin noch stolze 20. Im Nachhinein erwies sich das als keine so gute Idee, besonders mit meinem total überladenen Rucksack (wer schafft es denn schon bei seiner ersten großen Wanderung den Rucksack richtig zu packen…;-) ).

Die richtigen Schwierigkeiten kamen aber erst am zweiten Tag unserer Wanderung mit dem großen Wetterumschwung. Während der erste Tag mit einem fast perfekten Sommerwetter glänzte, rollte am zweiten Tag ab dem Nachmittag langsam ein großer Sturm vom Meer auf die Küste zu. Irgendwann regnete es fast nur noch ununterbrochen.

Wir waren schon seit vielen Stunden im strömenden Regen unterwegs, als wir am frühen Abend an unserem Campingplatz, die Mutton Cove Campsite, ankamen. Während Sebi hier übernachten wollte, beschloss ich weiter zu laufen, bis zu dem nächsten Campingplatz am Whariwharangi Bay, da sich dort eine Wanderhütte befand und ich hatte gehofft dort über Nacht einen Platz zu finden. Mein Zelt, eigens in Neuseeland gekauft, war nämlich leider so ganz und gar nicht sturmtauglich. Bei dem Preis von umgerechnet knapp 15 Euro hatte ich allerdings auch nichts anderes erwartet. Ich hatte vor einigen Tagen zuvor bereits die Erfahrung gemacht, in dem Zelt während einer regnerischen Nacht zu übernachten, und das war keine so schöne Erfahrung. Man kann sich das in etwas so vorstellen, als würde man unter einer Dusche schlafen, absolut nicht schön! Diesmal wollte ich es unbedingt vermeiden und so war die Whariwharangi Hut meine letzte Hoffnung die kommende Nacht gut zu überstehen.

Als ich schließlich an der Whariwharangi Hut ankam, musste ich überrascht feststellen, dass der dortige Campingplatz wie leergefegt aussah, kein Mensch weit und breit und nur der Ranger stand einsam an der Hütte. Ein ungutes Gefühl beschlich mich, und das Gespräch mit dem Ranger offenbarte nichts Gutes. Ein großer Sturm rollte auf die Küste zu. Kein einfacher Regen, mit dem ich ursprünglich gerechnet hatte, sondern ein Sturm mit Monsunausmaß (ich weiß nicht mehr wie viel Liter pro Quadratmeter der Ranger damals erwähnt hatte, aber es hat sich nach sehr viel angehört), sowie Windböen bis zu 100 km/h. Das Schlimmste kam aber noch. Auf meine Frage ob ich in der Hütte übernachten könnte, erwiderte der Range nur, dass dies leider komplett ausgeschlossen wäre, da die Hütte bereits voll sei, und er keinen ohne eine gültige Reservierung reinlassen darf. Ich konnte zwar seine Argumentation verstehen, fand es aber in Anbetracht der aktuellen Situation doch etwas zu hart.

Und so stand ich im wahrsten Sinne wie ein begossener Pudel, bis auf den letzten Stofffaden komplett durchnässt, vor der Hütte und wiegte meine Optionen ab. Zurückgehen an den Strand zu den anderen machte keinen Sinn, da dort direkt am Meer die Lage noch schlimmer sein durfte. Weiter laufen machte ebenfalls keinen Sin. Bis ich am nächsten Highway wäre, würde es schon dunkel sein und es gäbe keine Garantie, dass ich von da noch irgendwohin weggekommen wäre. Fest stand ich musste hier bleiben, es war aber auch klar dass ich die Nacht in meinem einfachen Zelt kaum überstehen durfte. Es sah wirklich nicht gut aus.

Und ich muss sagen, dass man ab einem gewissen Zeitpunkt komplett abschaltet und alles vergisst, den stumpfen Schmerz in den Knochen nach dem tagelangen Marsch, die klirrende Kälte in der komplett durchnässten Kleidung, oder den Hunger, der einen schon seit Stunden plagt, man fängt an einfach zu funktionieren. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie ich in dem strömenden Regen nach und nach den kompletten Campingplatz abgelaufen bin und mir genau überlegt hatte, wo ich halbwegs sicher meinen Zelt aufstellen konnte. Der Platz war komplett offen, keine Chance hier die Nacht zu überstehen. Ich hatte mich dann stattdessen für eine kleine Lichtung in dem angrenzenden Wald entschieden, die mir der Range zuvor empfohlen hatte. Die Bäume dort bildeten mit ihren Ästen eine Art Decke über die kleine Lichtung. Es war die perfekte aber auch die einzig mögliche Stelle, um die kommende Nacht zu überstehen.

Ich hatte dann schnell mein Zelt aufgebaut und als einen zusätzlichen Regenschutz den Raincover von meinem Rucksack darüber gespannt. Ich zwang mich regelrecht mir noch etwas zum Abendessen zu kochen, wechselte noch schnell die durchnässten Klamotten (an der Stelle kann ich nicht oft genug sagen, wie wichtig es ist immer einen Satz trockener Notfallkleidung bei langen Touren mit dabei zu haben, das kann euch echt das Leben retten!), kochte mir sogar noch einen ganzen Pot heißen Tee und machte es mir in meinem Zelt gemütlich, während ich auf den Weltuntergang wartete. Und ich kann wirklich sagen, ohne eine Tasse heißen Pfefferminztee und eine Tafel Schokolode ist ein jeder Weltuntergang nur noch halb so schön!

Später kam noch mal der Ranger bei mir vorbei und erkundigte sich besorgt wie es mir ging. Er meinte nur, dass ich doch lieber in die Hütte gehen sollte, mir dort irgendwo einen Platz auf dem Flur suchen sollte, und dort übernachten, und ja nichts riskieren. Die Wetterlage galt zu dem Zeitpunkt wohl bereits als sehr kritisch. Da ich mich aber bereits recht gemütlich in meinem Zelt eingerichtet hatte, beschloss ich mein Glück zu versuchen und in meinem Zelt zu bleiben.

Später in der Nacht bin ich noch mal kurz aufgewacht, und der Sturm da draußen war gerade voll im Gange. Ein lautes Donnern kam aus der Richtung vom Meer, die Wellen die dort auf die Brandung schlugen, mussten gewaltig sein. Und die Kronen und Äste der Bäume um mich herum wurden wie Grashalme vom starken Wind hin und her geschleudert. In einem kurzen Moment dachte ich mir, ob es doch nicht besser wäre, alles hier liegen zu lassen und noch schnell in die Hütte zu rennen. Ein Blick auf meine Uhr verritt mir jedoch, dass es bereits 4 Uhr in der Früh war, und ich erinnerte mich noch daran, wie mir der Range sagte, dass es spätestens nach 5 Uhr morgens das Schlimmste vorbei sein musste. Also beschloss ich hier noch weiter auszuharren.

Am nächsten Morgen war dann das ganze Ausmaß der Zerstörung erst so richtig klar. Überall lagen abgerissene Baum-Äste, als wäre ein Hurrikan drüber gefegt. Meine Begleiter, die am Strand campiert hatte, hat es besonders schwer erwischt. Die ganze Nacht wurden ihre Zelte vom Wind platt gedrückt und in alle Richtungen gefaltet. Die Zeltstangen gingen zu Bruch und zwei sind mit ihrem Zelt fast ins Meer gespült worden. Wie durch ein Wunder blieb mein Zelt komplett unversehrt und innendrin trocken. Die Bäume um mich herum haben mich vom Wind und Regen beschützt.

Ich weiß noch ganz genau, wie wir vollkommen erschöpft die Schotterstraße aus dem National Park heraus entlang liefen. Die Sonne schien hoch an dem kaum bedeckten blauen Himmel. Es war fast windstill an diesem fast perfekteren Sommertag. Und jeder Geruch und jeder noch so kleine Windstoß füllten sich so intensiv an. Die Straße unter den Füßen, die Bäume umher, alles war so intensiv in ihrer Wahrnehmung. Es füllte sich großartig an.

Trotz all dieser Schwierigkeiten, hatte ich zu keinem Zeitpunkt bereut, diese Wanderung gemacht zu haben. Es war eine wertvolle Erfahrung, und auch eine unglaublich schöne Zeit. Genau durch solche Abenteuer spürt man das Leben erst so richtig intensiv und so wie es wirklich ist, vollkommen unberechenbar, einmalig und einfach nur wunderschön.

Und was die Strecke angeht, nun ich kann den Abel Tasman Coast Track absolut jedem empfehlen, der Küstenwanderungen mag ;-). Die Strecke ist ein Traum und gehört nicht umsonst zu den Great Walks!

 

 

Inhaltsverzeichnis

Nordinsel

1. Auckland, willkommen in Neuseeland

2. Northland, ein Naturparadies im Norden Neuseelands

3. Im Land der Vulkane

4. Von einsamen Stränden und dichten Urzeitwäldern

5. Wandern in Neuseeland

Südinsel

1. Golden Bay und Abel Tasman Coast Track

2. Heaphy Track und Nelson Lakes National Park

3. Pancakes Rocks, Hokitica Gorge, Arthur’s Pass und Tekapo

4. Mount Aoraki, Wanaka und Franz Josef Glacier

5. Queenstown und Milford Track

6. Catlins und die Moeraki Boulders

 

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